DHd 2018 – Keynote #1

Im Rahmen der DHd fanden zwei Keynotes statt, die sich inhaltlich stark an dem Motto der Konferenz „Kritik der digitalen Vernunft“ orientierten. Die Eröffnungs-Keynote hielt Prof. Dr. Dr. h. c. Sybille Krämer von der Freien Universität Berlin.

Der ‚Stachel des Digitalen‘ – ein Anreiz zur Selbstreflexion in den Digital Humanities?

Sybille Krämer

In Ihrer Eröffnungs-Keynote geht die Professorin für theoretische Philosophie nicht nur den Digital Humanities als eigenständiger Wissenschaftsdisziplin auf den Grund, sondern exploriert gleichzeitig die verschiedenen Interpretationen des Tagungsmottos  und bezieht hierbei Stellung.

Der strukturelle Aufbau ihres Vortrags ist bewusst gewählt und folgt einer eigentlich simplen Logik: indem Krämer den so ambivalent verwendeten Begriff der „Digital Humanities“ in seine Bestandteile zerlegt, nach der unabhängigen Funktion dieser Einzelteile fragt und daraus wiederum auf neue Kontexte im gemeinsamen Bedeutungszusammenhang schließt, führt sie eine konsequente und nachvollziehbare Abfolge von Gedanken durch. Der Zusatz zur Keynote „Ein philosophischer Kommentar zu den Digital Humanities“ zeigt dabei bereits die philosophische und teilweise abstrahierende Art und Weise des Vortrags an, die von der Rednerin erwartungsgemäß eingehalten wird.

Kritik der digitalen Vernunft

Was bedeutet Kritik? Wie ist eine Kritik der digitalen Vernunft zu verstehen? Sybille Krämer versucht, dem Begriff „Kritik“ ein wenig seine negative Behaftung zu nehmen, Kritik habe in erster Linie eine stark vergleichende Funktion. Die Kritik der digitalen Vernunft könne man außerdem nicht nur als Kritik an der digitalen Vernunft, sondern ebenso als durch die digitale Vernunft getriebene Kritik verstehen, so Krämer.

Digitale Geisteswissenschaften oder digitale Literalität?

Ein weiterer Punkt, der von der Professorin mehrfach herausgestellt wird, ist die Unterscheidung zwischen Digital Humanities und der Kulturtechnik digitaler Literalität. Die digitalen Geisteswissenschaften müssten sich auch in Form digitaler Prozesse wiederfinden und seien durch bestimmte Aspekte geprägt:

„[…] (i) die ‚Verdatung‘ der Forschungsgegenstände, (ii) den Einsatz entweder ‚datenbasierter‘ oder ‚datengeleiteter‘ algorithmischer Forschungsverfahren, (iii) die operative Bildlichkeit/Visualisierung der Ergebnisse in einer von Menschen rezipierbaren Form, (iv) den Neuigkeitswert der Erkenntnisse (also nicht nur bekannte Resultate mit anderen Mitteln).“
(Handout vom 26.02.18, S. Krämer)

Damit würden sich die Digital Humanities von der generellen Nutzung digitaler Kulturtechnik abgrenzen. In Bezug auf diese Charaktistika der Digital Humanities stellt und beantwortet Sybille Krämer ebenfalls existenzielle Fragen:

„(i) Was bedeutet ‚digital‘? (ii) Was ist ein ‚Datum‘? (iii) Was ist das Prinzip von ‚Datenbanken‘?“ (ebd.)

Der „Stachel des Digitalen“

Unter dem „Stachel des Digitalen“ fasst die Rednerin die wichtigsten Komponenten der Digital Humanities zusammen: Technikdimension, Schriftkonzeption, Theorie des Lesens, Bildlichkeit und die Idee der Vernetzung. Dies entspricht auch den Bereichen, in denen die meisten „Digital Humanists“ tätig sind und findet sich so auch im Tagungsprogramm der DHd wieder.

Digitale Aufklärung

In ihrer Keynote grenzt Sybille Krämer das vor ihr sitzende Publikum, die digitalen Geisteswissenschaftler, mehrfach von eher konservativ eingestellten Geisteswissenschaftlern ab, die ihrer Erfahrung nach den digitalen Veränderungen häufig kritisch gegenüberstehen. Deren Vorbehalte widerlegt die Vortragende voller Überzeugung, indem sie auf die vielfälten Arbeitsmethoden in den Geisteswissenschaften (Suchen, Sammeln, Ordnen, Vergleichen, Rekonstruieren/Theoretisieren,…) und lediglich die Anreichung, nicht die Verdrängung, derer durch die neuen digitalen Methoden, hinweist.

Zum Ende hin wirft Krämer noch die Frage nach einer „digitalen Aufklärung“ im Sinne einer Transformation der neuzeitlichen Aufklärung auf. Aktuell befänden wir uns in einem Dualismus, in dem sich eine mögliche Aufklärung der Nutzer der Kulturtechnik und die Intransparenz der Werkzeuge und Prozesse, die jener Kulturtechnik zugrunde liegen, konträr gegenüberstehen. Eine wichtige Aufgabe der Digital Humanities bestehe demnach in

„[der] Artikulation der großen, mit der digitalisierten Kultur verbundenen Probleme und Paradoxien als Vorarbeiten zu einer ‚digitalen Aufklärung‘.“ (ebd.)

Abschließend ruft Krämer insbesondere zur Zusammenarbeit auf: eine digitale Mündigkeit im Sinne der Kantischen Aufklärungsphilosophie sei nur in Form eine Kollektivleistung und nicht durch „methodischen Individualismus“ möglich. Die Digital Humanities als interdiszipläres Forschungsgebiet werfen demnach nicht nur Herausforderungen und neue Problemstellungen auf, sondern bieten auch Raum für Austausch und Kollaboration.

Zur Person

Prof. Dr. Dr. h. c. Sybille Krämer ist „seit 1989 Professorin am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin. 2001 und 2004 erhielt sie Rufe an die Universität Hannover bzw. an die Universität Wien, darüber hinaus hatte sie Gastprofessuren in Zürich, Luzern und Graz, an der TU Wien und am Max Reinhardt Seminar – Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien inne. Als research fellow war sie am Balliol College der Oxford University (1989) und am Internationalen Forschungsinstitut für Kulturwissenschaften Wien (2010/11) tätig. Von 2000 bis 2006 war sie Mitglied des Wissenschaftsrates, dessen Akkreditierungsausschuss sie von 2003 bis 2006 leitete. Von 2006 bis 2008 war sie permanent fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Seit 2007 ist sie Mitglied im Scientific Panel des European Research Council. 2010 wurde sie in den Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft gewählt.“ (geisteswissenschaften.fu-berlin.de)

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